Adieu Plädoyer – adieu Debattenkunst

Zuletzt wohnte er ganz in der Nähe, hier in Wentorf bei Hamburg. Fast in Rufweite unserer Kanzlei. Im Februar 2016 verstarb er. Wie so viele der großen deutschsprachigen Intellektuellen (Johannes Gross, wer erinnert sich noch an ihn, oder Frank Schirrmacher) ist auch er viel zu früh gegangen: Roger Willemsen. Und er war einer der größten unter ihnen! Sein letztes Werk “Das Hohe Haus”, vielleicht sein opus magnum, war das Ergebnis immensen Fleißes.

Das gesamte Jahr 2013 hindurch (ein Wahljahr) hat Willemsen die Sitzungen des Bundestages von der Besuchertribüne aus verfolgt. Liest man das Buch, ist man  überrascht, wie undiszipliniert offenbar in unserem Parlament debattiert wird. Die beklommene Erinnerung an den Begriff einer “Quasselbude” stellt sich ein. Mit diesem Verdikt und der Verunglimpfung der Nationalfarben durch die Bezeichnung “schwarz-rot-Mostrich” haben die extremen Parteien, rechts wie links, während der Weimarer Republik die Arbeit des demokratischen Reichstages bekämpft, gnadenlos und leider mit Erfolg. Dieser Versuch einer Demokratie scheiterte. Es kommt im Bundestag offenbar nur noch selten zu großen Debatten und noch seltener zu bedeutenden Parlamentsreden.

Dabei war die politische Rede in der Antike, also der ersten Blütezeit der Rhetorik eine der klassischen Redensformen, in welcher sich der angehende Rhetoriker üben musste. Sie scheint es nicht mehr zu geben. Vielleicht wird sie nur benötigt, wenn Schicksalsfragen einer Nation kontrovers behandelt werden. Das war bei den Debatten über die Ostverträge so und dann noch einmal in der Nachrüstungsdebatte.  Und da wurden große Reden gehalten!

Die zweite Form war die Rede vor Gericht. Auch sie hat ihre Rolle weitgehend eingebüßt. Die Reformen des Prozessrechtes haben die Bedeutung der mündlichen Verhandlung immer weiter relativiert. Man traut dem Schriftsatz mehr als der mündlichen Rede des Anwalts. Im Strafprozess gibt es noch das Plädoyer des Strafverteidigers, eine letzte Bastion. Auch die jungen Anwältinnen und Anwälte müssen in der Kunst der Rede heute nicht mehr geschult werden. Sie kommen auch so durchs Anwaltsleben. Schade. Ein Adieu und ein Dank an Roger Willemsen, den Niedergang der politischen Rede aufgezeigt zu haben. Und ein leises ‘Adieu Plädoyer’ dem eigenen Berufsstand.

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