“Aus dem Nichts” – Kritik eines Strafverteidigers

Über den Film von Fatih Akin ist schon viel geschrieben worden. Tatsächlich ist die schauspielerische Leistung von Diane Kruger als Witwe und verwaiste Mutter beeindruckend, und die ersten 20-25 Minuten des Films fesseln durchaus. Dann aber führte vor allem der strafprozessuale Teil des Drehbuchs dazu, dass ich als Strafrechtler immer tiefer in den Kinosessel sank und mich fragte, ob der Regisseur nicht mehr auf seine juristischen Berater hätte hören müssen. Denn der Film hat einfach zu viele Schwächen und Fehler.

Es ist geradezu unbegreiflich, dass die Witwe eines Attentatsopfers und gleichzeitig Nebenklägerin während des Prozesses erst zum Schluss der Beweisaufnahme als Zeugin vernommen wird. Es ist üblich und sinnvoll, sie gleich nach der Vernehmung der Angeklagten zu befragen. Danach erst erfolgt die weitere Beweisaufnahme. Im Film aber ist es genau andersherum: Die Witwe ist als Nebenklägerin im Gerichtssaal bei der Beweisaufnahme dabei (Vernehmung des Vaters des Angeklagten, Erstattung des mündlichen Gutachtens der Rechtsmedizin usw.). Erst danach sagt sie als Zeugin aus. So etwas vermeidet man in der Realität üblicherweise, um zwangsläufige Fremdsuggestion und Beeinflussung durch andere auszuschließen. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Witwe fast unmittelbare Tatzeugin war: Sie sah, wie das Fahrrad mit der Bombe von der Angeklagten abgestellt wurde, sprach sie an und sollte diese in der Hauptverhandlung identifizieren. Also warum all dies erst zum Schluss?

Aus ähnlichen Erwägungen heraus ist es unverständlich, dass der Verteidiger gleich zu Beginn hartnäckig das Ziel verfolgte, die Nebenklägerin bis zu ihrer Vernehmung aus dem Saal zu schicken. Für seine Mandanten wäre es ja gerade gut gewesen, wenn sie geblieben wäre. Der Anwalt möchte ja Fehler in Zeugenaussagen finden. Die Nebenklägerin verliert als Zeugin eher an Glaubwürdigkeit, wenn sie während der Vernehmung anderer Zeugen und der Aussage der Sachverständigen im Saal bleibt. Der Verteidiger hätte also besser geschwiegen, um später Zweifel wegen Beeinflussung und Fremdsuggestion anbringen zu können.

Umgekehrt hätte es das Interesse des Nebenklagevertreters sein müssen, seine Mandantin während der Beweisaufnahme aus dem Saal zu lassen, wenn sie nicht zuerst vernommen wird – eben um die Gefahr der Fremdsuggestion zu unterbinden. Also haben beide Anwälte ihre Arbeit nicht wirklich gut gemacht.

Bei Wortmeldungen von Verteidiger bzw. Nebenklagevertreter heben diese im Film jeweils den Arm, melden sich wie in der Schule, um Fragen an Zeugen zu stellen. Dies geschieht nicht nur einmal, sondern regelmäßig, als wäre dies vor Gericht üblich. Jeder meldet sich, wenn ihm etwas einfällt.
Das ist komplett ausgedacht, so sieht eine Gerichtsverhandlung nicht aus. Fragen werden in der klassischen Reihenfolge (Gericht, Staatsanwaltschaft, Nebenklage, Verteidigung) gestellt. Kommt es zu Nachfragen, so muss man sich nicht melden, vielmehr wird gefragt, ob noch Fragen sind, oder ob der Zeuge entlassen werden kann.

Grotesk geradezu ist die Bitte des Nebenklagevertreters an die Nebenklägerin, sie solle am Tag des Fristablaufs, doch zu ihm in seine Praxis kommen und Papiere unterschreiben, damit Revision eingelegt werden könne. Das ist absolut unnötig: Der Verteidiger kann aus eigenem Recht ohne erneute Vollmacht o.ä. nach vorheriger telefonischer Rücksprache Rechtsmittel einlegen.

Es bleiben noch andere Fragen Warum etwa findet die Verhandlung vor dem Landgericht und nicht vor dem Oberlandesgericht (Strafsenat für Staatsschutzsachen) statt? Warum wird bei der Witwe durchsucht? Der Grund bleib unbekannt. Warum unterbricht der Vorsitzende nicht sofort das Klatschen nach dem „Plädoyer“ des Nebenklagevertreters, sondern erst viel später? Das sind nur Beispiele. Nebenbei: Auch ein Gerichtsmediziner würde Bedenken anmelden. Rote Blutflecken von Opfern eines Sprengstoffattentats an einer Wand sind in einem Raum, in dem mehrere hundert Grad Hitze herrschten, undenkbar.

Insofern bleibt es für den juristischen Betrachter ein Film, der leider gerade vor dem Hintergrund der Bedeutung der NSU-Morde für die Bundesrepublik dem eigenen Anspruch nicht gerecht wird. Dies gilt vor allem für die teilweise fast laienhaft erscheinende Darstellung der Gerichtsverhandlung. Dabei ist es doch so wichtig, kritisch und nicht nur voyeuristisch mit dem Thema umzugehen. Geschafft hat das zum Beispiel ein Projekt auf der documenta 14 der Künstlergruppe Forensic Architecture. Mehr zu dem spannenden Projekt der Künstler erfahren Sie hier und hier.

Eine Antwort zu ““Aus dem Nichts” – Kritik eines Strafverteidigers”

  1. The captain sagt:

    Das waren sehr interessante Aspekte. Ich mag nur juristischer Laie sein, aber dennoch fielen mir zwei weitere Dinge auf: Das Alibi der zwei netten rechtsradikalen Hohlbroschen stützte sich im Film ausschließlich auf einen handschriftlichen Gästebucheintrag des griechischen Hotels. Es mag sinnvoll gewesen sein vom Anwalt, auf die rechtsradikalen Verstrickungen des Hoteliers hinzuweisen. Sinnvoller aber wäre es gewesen, weitere Belege einzufordern, wie einen für die Bezahlung des Hotels und zudem auch Flugtickets für die betreffende Zeit. Diese Fragen hätte ein Staatsanwalt, der nicht völlig von der Rolle ist, ebenso gestellt.

    Gewundert hat mich zudem die Befragung des Strafverteidigers, in der er mehrfach und von Richter und Staatsanwalt nicht unterbunden der Hauptzeugin regelmäßigen Drogenmissbrauch unterstellen konnte, ohne hierfür einen Beleg zu haben. Das kam mir ziemlich unglaubwürdig vor.

    Der härteste Einwand gegen den Film ist m.E. aber ein anderer. Eine junge Frau stellt ein Fahrrad mit einer Nagelbombe an einer Straßenlaterne ab, die ca. 10 Meter entfernt vom Laden liegt, in dem die beiden Opfer sterben. Als der Tatort später gezeigt wird, ist ausschließlich der Laden beschädigt. Das Umfeld scheint ungeschoren davon gekommen zu sein. Was aber bei der Art der verwendeten Bombe, die ja später ausführlich Thema ist, nicht sein kann. Es ist also nur bedingt wahrscheinlich , dass der Anschlag ausschließlich dem Übersetzungsbüro gegolten hat. Das machte den Film so unglaubwürdig, dass mir die albernen Blutspritzer an einer verkohlten Wand nur noch als lässliche dramaturgische Fehlleistung erschienen.

    Leider ein sehr schlechter Film.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.