Eine Strafjustiz zum Wegsehen

„Nie wieder“, so sagte die Zeugin in einer Sitzungspause, „Nie wieder“ werde sie hinsehen und den Notruf der Polizei anrufen.

Gut, sie konnte sich nicht mehr an viele Details ihrer bei der Polizei gemachten Aussage erinnern. Das ist bei Vorfällen, die einige Monate oder vielleicht auch bald schon ein Jahr zurückliegen, auch nicht ungewöhnlich. Aber was beim Landgericht Lüneburg am Vormittag des 23.3. geschah, war alles andere als gewöhnlich.

Der Vorsitzende der Strafkammer ließ die Zeugin, Anfang 40, vom Beruf Krankenschwester, zwar noch kurz den Sachverhalt schildern, den sie in Erinnerung hatte. Danach begann seine Befragung. Warum sie sich denn an bestimmte Dinge nicht mehr erinnere. Bei der Polizei habe sie noch 16 Seiten lang den Sachverhalt ausführlich wiedergegeben, nun davon praktisch gar nichts mehr. So lange sei das ja nun alles auch nicht her. Ja, sagte sie, sie versuche sich ja zu erinnern, nein, sagte sie, so ein Vorfall sei das erste Mal passiert in ihrem Leben. Ja dann aber, so der Vorsitzende, müsse man sich doch wohl erst recht erinnern.

Das Gericht liest ihre polizeiliche Vernehmung satzweise vor. Und möchte, dass die Zeugin auf die Vorhalte hin die Absätze ergänzt. Auch das leistet die Zeugin nicht, auch jetzt erinnert sie nichts mehr. Quälende Minuten. Der Vorsitzende wirkt verärgert. „Wegen Ihnen sitzen wir hier.“ Die Zeugin guckt betroffen. „Ja, vielleicht kann ich mich ja auch nicht so ausdrücken wie Sie es wollen.“ Dann, verschämt nach unten sehend: „Mein Ausdrucksvermögen ist nicht so das beste.“ Mittlerweile erlebt man eher ein kleines Schulmädchen. Der Vorsitzende kennt kein Pardon. Das habe nichts mit dem Ausdrucksvermögen zu tun, sagt er. „Sie können doch nicht alles vergessen haben!“ Immer wieder liest er ihr Zeilen ihrer Aussage aus der polizeilichen Ermittlungsakte vor, zynisch. Immer wieder weiß sie nichts, auch nicht, ob sie es mal so ausgesagt hat, früher. Mittlerweile kippt ihre Stimme.

Irgendwann, nach mehr als einer halben Stunde, hat der Vorsitzende keine Fragen mehr. Mittlerweile hat auch der Verteidiger keine Fragen mehr, beide spielen sich die Bälle zu, grinsend, wechselseitig den Kopf schüttelnd. Mittlerweile geht es auch nicht mehr um die Aussage. Es geht nur noch darum, die Zeugin, ohnehin am Boden, weiter zu demontieren, die Zeugin klein zu machen. Irgendwann dann, nach für die Zeugin ewiger Zeit: der Vorsitzende seufzt. Nein, man habe nun keine Fragen mehr und er schüttelt den Kopf. „Danke für Ihre Aussage.“ Auch dies klingt wie Hohn.

Draußen dann. Die Zeugin bricht zusammen, weint. Sie habe schließlich die Polizei gerufen als der eine Mann versucht habe, mit einer Axt den anderen zu treffen. Was danach war, konnte sie im Detail nicht mehr erinnern. Aber eins ist für sie jetzt klar: Sie werde nie wieder, nie wieder hinsehen, um anderen zu helfen, nie wieder werde sie die Polizei anrufen. Nie wieder zum Gericht, nie wieder.

Wir möchten eine Gesellschaft, die hinsieht, wenn Verbrechen geschehen, die hilft, die nicht wegschaut. Wir erziehen unsere Kinder zum Hinsehen. Wir brauchen eine Justiz, die nicht das Gegenteil bewirkt. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der die Justiz uns nicht zum Wegsehen anstiftet.

Kategorien: Strafrecht

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